Jonas hatte einen großen Bogen Papier auf dem Küchentisch ausgebreitet.
Darauf sollte ein Garten entstehen.
Ein Haus hatte er schon gemalt. Es besaß zwei Fenster und eine rote Tür. Daneben stand ein Baum, dessen Äste noch ganz kahl waren.
„Jetzt kommt die Wiese“, sagte Jonas.
Er schraubte den grünen Farbtopf auf.
Innen war nur ein trockener Rest.
Jonas drehte den Topf um.
Nichts lief heraus.
Er hielt ihn gegen das Licht. Grün war er von innen wirklich noch. Aber damit konnte man keinen Pinsel mehr füllen.
„Papa? Die Wiese ist alle.“
Papa schaute von der Spüle herüber.
„Die grüne Farbe meinst du?“
Jonas nickte.
Auf der anderen Seite des Tisches wackelte ein gelber Becher.
Jonas zog seinen Arm zurück.
Hinter dem Becher kam ein kleines Monster hervor. Es hatte einen honiggelben Körper, blaue Fingerspitzen und einen rosafarbenen Fleck auf dem Bauch. Auf seinem Kopf kringelten sich drei weiche Haarspitzen wie frische Pinselstriche.
„Eine Wiese kann doch nicht alle sein“, sagte es.
Jonas sah auf den leeren Topf.
„Meine schon.“
„Ich bin Ella“, sagte das Monster. „Darf ich schauen?“
Jonas schob den Farbtopf hinüber.
Ella blickte hinein. Dann hinein in den gelben Topf. Dann in den blauen.
„Die beiden sind noch wach.“
„Aber ich brauche Grün.“
Ella setzte sich neben den Malkasten.
„Wollen wir auf einem anderen Blatt etwas ausprobieren?“
Papa legte einen kleinen Pappteller und ein Stück Papier auf den Tisch. Jonas holte einen sauberen Pinsel.
Er war noch nicht überzeugt. Sein Baum brauchte Blätter. Und unter dem Haus sollte kein blauer See liegen.
Ella tupfte etwas Gelb auf den Teller.
Jonas gab einen kleinen Klecks Blau dazu.
Zuerst lagen beide Farben einfach nebeneinander.
Dann zog Jonas den Pinsel hindurch.
Ein gelber Streifen.
Ein blauer Streifen.
Und dazwischen entstand etwas Neues.
Jonas beugte sich vor.
„Grün!“
Ella nickte so begeistert, dass eine Haarspitze in den Farbtopf hing.
„Jetzt bin ich oben auch ein bisschen Wiese.“
Jonas strich die gemischte Farbe auf das Probierblatt. Sie war dunkler als erwartet, fast wie die Blätter im Schatten hinter dem Gartenhaus.
„Meine Wiese soll heller sein.“
Er tauchte den Pinsel noch einmal in Blau.
Die Mischung wurde dunkler.
Jonas hielt inne.
„Oh.“
Ella betrachtete den Teller.
„Vielleicht braucht unsere Wiese mehr Sonne.“
Sie zeigte auf den gelben Farbtopf.
Jonas nahm einen zweiten Pinsel, damit die Farben in den Töpfen sauber blieben. Er gab Gelb zur Mischung.
Ein bisschen.
Noch ein bisschen.
Das Grün veränderte sich wieder.
Diesmal wirkte es frisch und hell.
Jonas malte einen Streifen daneben.
Zwei verschiedene Grüntöne standen nun auf dem Papier.
„Das erste ist für den Schatten“, sagte er langsam. „Und das zweite für vorne.“
Er nahm den großen Bogen näher zu sich.
Ella hielt das Wasserglas fest, während Jonas seinen Pinsel auswusch. Papa legte noch ein Tuch bereit.
Jetzt konnte die Wiese beginnen.
Jonas malte unter dem Haus einen langen grünen Streifen. Dann noch einen. Vor dem Baum ließ er eine kleine Stelle frei.
„Da kommt ein Weg hin.“
Ella schaute zu.
Dann griff sie nach dem Probierblatt, um es zum Trocknen wegzulegen.
Mit ihrer blauen Fingerspitze streifte sie den großen Bogen.
Ein dicker blauer Fleck landete mitten in der Wiese.
Beide wurden still.
Ella zog die Pfote zurück.
„Das wollte ich nicht.“
Jonas starrte auf den Fleck. Gerade war die Wiese so schön geworden.
Er drückte die Lippen zusammen.
Ella sagte nichts weiter. Sie wartete.
Papa stellte das Tuch neben Jonas.
„Möchtest du erst einmal schauen, was du damit machen willst?“
Jonas nickte.
Der Fleck hatte einen schmalen Rand und eine dicke Mitte. Von einer Seite ragte eine winzige Spitze heraus.
Er sah ein bisschen aus wie eine Pfütze.
Jonas nahm den Pinsel wieder auf.
„Vielleicht hat es hier geregnet.“
Er malte um das Blau einen Rand aus dunklerem Grün. Daneben setzte er zwei kleine braune Striche.
„Gummistiefel“, erklärte er.
Ella schaute genauer hin.
„Wer steht darin?“
Jonas malte zwei Beine. Einen runden Bauch. Einen Kopf mit drei lustigen Haarspitzen.
Ella hielt sich die Pfoten vor den Mund.
„Ich?“
„Du. Aber die Farbe bleibt diesmal in der Pfütze.“
Ella lächelte vorsichtig. Jonas lächelte zurück.
Am Ende hatte der Garten eine helle Wiese, dunkle Blätter und eine blaue Pfütze. Neben dem Haus stand ein Farbenmonster in viel zu großen Gummistiefeln.
Papa legte das Bild auf den freien Tisch am Fenster.
Jonas und Ella wuschen ihre Pinsel aus. Im Wasser schwammen grüne Wirbel, die immer blasser wurden.
„Wir hatten gar keine grüne Farbe mehr“, sagte Jonas.
Ella schaute zum Bild.
„Und jetzt einen ganzen Garten.“
Später saßen sie nebeneinander und warteten, bis das Papier trocken war.
Draußen bewegten sich die Blätter im Wind.
Manche waren hell.
Manche dunkel.
Jonas sah lange hin.
Dann lehnte er sich zurück.
Für heute waren genug Farben unterwegs gewesen.