Der Turm brauchte nur noch einen einzigen Bauklotz.
Karl kniete auf dem Teppich und hielt die gelbe Spitze in der Hand. Unten standen zwei breite Holzklötze. Darüber kamen ein roter, ein blauer und einer mit einem kleinen Kratzer, der aussah wie ein Blitz.
Oben sollte die Spitze hin.
Dann wäre es der höchste Turm, den Karl heute gebaut hatte.
Fina saß auf der anderen Seite des Teppichs. Das kleine Monster war korallfarben und hatte zwei weiche Ohren. Eines stand ein wenig hoch. Das andere knickte zur Seite, als würde es gerade jemandem zuhören.
Fina sortierte die übrigen Klötze.
Nicht nach Farben.
„Die hier sehen aus wie Brot“, erklärte es und legte drei flache Steine nebeneinander. „Das wird die Bäckerei.“
Das Gedanken-Monster saß neben dem Sessel. Auf seinem Kopf lag ein roter Bauklotz.
„Und ich?“, fragte es.
„Du bist noch kein Haus“, sagte Karl.
„Schade. Ich hätte gern eine Haustür.“
Karl lächelte. Dann schaute er wieder auf seinen Turm.
Ganz langsam hob er die gelbe Spitze an.
Der Turm wackelte.
Karl hielt still.
Er hörte Papa in der Küche einen Schrank schließen. Auf der Straße fuhr ein Fahrrad vorbei. Fina legte einen letzten Brotklotz an seinen Platz.
Der Turm stand wieder ruhig.
Karl setzte die Spitze auf.
Einen winzigen Moment lang war alles genau richtig.
Dann kippte der blaue Klotz.
Der rote rutschte hinterher.
Es klapperte, rumpelte und polterte. Die gelbe Spitze kullerte bis unter den Sessel.
Wo eben noch der Turm gewesen war, lag ein Haufen Holz.
Karl starrte ihn an.
„Nein!“
Er hatte das Wort lauter gesagt, als er wollte.
Fina hob den Kopf.
Karl wurde heiß im Gesicht. Seine Hände drückten sich zu Fäusten zusammen. Er hatte so lange gebaut. Und jetzt sah es aus, als hätte es seinen Turm nie gegeben.
„Blöde Klötze!“
Er griff nach dem roten Stein.
Am liebsten hätte er ihn weit weggeworfen.
Fina rückte ein Stück zur Seite.
„Bitte wirf ihn nicht nach mir“, sagte es.
Karl hielt den Klotz fest. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann legte er ihn mit einem dumpfen Klack auf den Teppich.
„Ich wollte doch nur, dass er stehen bleibt.“
Seine Stimme klang jetzt anders. Ein bisschen kratzig.
Das Gedanken-Monster nahm seinen Dachklotz vom Kopf.
„Wir könnten einen neuen Turm—“
„Nein!“, sagte Karl. „Noch nicht.“
Das Gedanken-Monster schloss den Mund und nickte.
Fina sah zu den verstreuten Steinen.
„Soll ich hierbleiben oder ein Stück wegrücken?“
Karl rieb mit einem Finger über die Naht seiner Hose.
„Hierbleiben. Aber ich will gerade nicht bauen.“
„Gut“, sagte Fina.
Also blieben sie sitzen.
Das Gedanken-Monster lehnte sich an den Sessel. Fina zog seine Füße näher an den Bauch. Karl schaute auf die Stelle, an der sein Turm gestanden hatte.
Er war immer noch wütend.
Fina musste deshalb nicht weggehen.
Nach einer Weile öffnete Karl seine Hände. In einer Handfläche war ein kleiner roter Abdruck vom Bauklotz zu sehen.
„Ich hab mich so angestrengt“, sagte er.
Fina nickte.
„Ich habe zugeschaut. Besonders bei der Spitze.“
Unter dem Sessel schimmerte etwas Gelbes.
Das Gedanken-Monster beugte sich herunter, stieß mit einem Ohr an die Sesselkante und richtete sich wieder auf.
„Die Spitze hat sich einen Parkplatz gesucht.“
Karl musste durch die Nase schnauben. Es war noch kein richtiges Lachen. Aber fast.
„Die gehört da nicht hin.“
„Soll ich sie holen?“, fragte das Gedanken-Monster.
Karl nickte.
Diesmal hielt das Monster sein Ohr fest. Es streckte den Arm unter den Sessel und zog die Spitze heraus. An einer Ecke hing ein Staubfussel.
„Mit Beifahrer“, sagte es.
Jetzt lachte Karl ein kleines bisschen.
Fina deutete auf den blauen Klotz.
„Darf ich dir etwas zeigen?“
Karl überlegte. Dann nickte er noch einmal.
Fina stellte den blauen Stein auf den Teppich. Er stand auf seiner schmalen Seite. Als Fina ihn vorsichtig antippte, wackelte er.
Dann drehte es ihn auf die breite Seite.
Diesmal blieb er stehen.
Karl betrachtete den Klotz.
„Der war in meinem Turm ziemlich weit unten.“
„Vielleicht hatte er sehr viel zu tragen“, sagte Fina.
Karl nahm einen der breiten Steine. Er legte ihn vor sich hin. Daneben kam ein zweiter.
„Ich will es noch mal versuchen.“
Fina wartete.
„Du kannst die Bäckerei danebenbauen“, sagte Karl. „Aber den Turm mache ich.“
„Abgemacht.“
Diesmal bekam der Turm unten viel Platz. Karl setzte die Steine langsam aufeinander. Nach jedem Stein nahm er die Hände kurz weg und schaute, ob etwas wackelte.
Fina baute nebenan seine Bäckerei.
Das Gedanken-Monster durfte die Straße sein. Es legte sich sehr gerade auf den Teppich, bis Fina erklärte, dass Straßen gewöhnlich keine Ohren hätten.
„Diese schon“, sagte das Monster.
Karl setzte den blauen Stein auf seine breite Seite.
Dann kam der rote.
Dann hielt er wieder die gelbe Spitze in der Hand.
Sein Bauch fühlte sich einen Moment lang ganz eng an.
Fina schaute zu.
Das Gedanken-Monster hörte auf, eine Straße zu sein.
Karl setzte die Spitze auf den Turm und nahm vorsichtig die Finger weg.
Der Turm stand.
Er war etwas niedriger als der erste.
Aber er stand.
Karl atmete aus.
„So.“
Fina lächelte.
„Nebenan gibt es Brot.“
Später lag Karl im Bett.
Der Turm stand noch auf dem Teppich. Daneben wartete die kleine Bäckerei auf den nächsten Morgen.
„Ich war vorhin richtig wütend“, sagte Karl.
Fina saß neben dem Gedanken-Monster am Fußende.
„Ja“, sagte es.
„Auch auf die Klötze.“
Fina nickte.
Karl zog die Decke ein Stück höher.
„Gut, dass ihr geblieben seid.“
Das Gedanken-Monster legte sein Ohr über die Schulter.
„Morgen hätte ich übrigens gern ein Fenster.“
„Wofür?“, murmelte Karl.
„Wenn ich doch noch ein Haus werde.“
Karl lächelte mit geschlossenen Augen.
Fina rückte näher an seinen Freund.
Im Zimmer war es ruhig geworden.
Und für heute musste nichts mehr gebaut werden.