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Ralf aus der Welt der Nachtmonster.

NACHTMONSTER · DRITTE REIHE · CA. 6–9 MINUTEN

Ralf und das fremde Zimmer

Eine Geschichte mit Hanna und Ralf.

Hanna durfte heute bei Oma schlafen. Ihr Kuschelhase lag schon auf dem Kissen, die Zahnbürste stand im Becher und draußen wurde der Himmel langsam dunkelblau. Im Garten bewegte sich der alte Apfelbaum. Seine Blätter sahen am Abend fast schwarz aus.

Hanna zog die Bettdecke bis zu den Knien. Tagsüber hatte sie sich sehr auf die Übernachtung gefreut. Jetzt fehlte ihr das vertraute Licht aus dem Flur zu Hause. Bei Oma fiel ein schmaler Streifen von der anderen Seite ins Zimmer. Sogar das Kissen roch anders.

„Du musst noch nicht schlafen“, sagte Oma. „Ich mache mir nebenan einen Tee.“ Sie ließ die Tür einen Spalt offen. Hanna nickte. Als Oma gegangen war, raschelte es im Sessel. Ein kleines Monster hob einen zipfeligen Schal aus dem Gesicht.

Es war blaugrau wie der Abendhimmel und hatte zwei weiche Hörnchen. Auf seinem Bauch saß ein heller Stern. „Ralf“, flüsterte es. „Nachtmonster. Ich wollte eigentlich auf dem Sessel sitzen. Aber der Schal hatte andere Pläne.“

Hanna rückte ihren Hasen zurecht. „Ich bin zum ersten Mal hier über Nacht.“ Ralf sah sich um. „Dann kennst du dieses Zimmer noch gar nicht im Dunkeln.“ Hanna schüttelte den Kopf. Tagsüber hatte sie jeden Winkel gesehen. Jetzt schien alles ein wenig weiter weg zu sein.


Ralf zeigte auf die Wand. Dort wanderte ein heller Fleck über die Tapete und verschwand wieder. Hanna hielt den Hasen fest. „Was war das?“ „Das weiß ich noch nicht“, sagte Ralf. „Wollen wir Oma fragen?“

Oma kam mit ihrer Tasse bis zur Tür. Gerade fuhr draußen ein zweites Auto vorbei. Wieder glitt Licht über die Wand. „Die Scheinwerfer leuchten kurz durch das Fenster“, erklärte sie. Hanna schaute vom Vorhang zur Wand. Jetzt konnte sie den Weg des Lichtes erkennen.

Ralf stellte sich in den nächsten Lichtfleck und verbeugte sich. „Eine sehr kurze Bühne.“ Hanna kicherte. Als das Licht verschwunden war, sah sie noch immer die Umrisse des Sessels. Die Lehne war breit, und oben hing Omas Strickjacke. Vorhin hatte sie für einen Moment wie jemand mit riesigen Schultern ausgesehen.

Oma setzte sich auf die Bettkante. „Möchtest du das kleine Licht anlassen?“ Hanna nickte sofort. Ralf rückte seinen Schal zurecht. „Ich mag kleine Lichter. Sie tun so, als wäre der Tag nur kurz in der Küche.“

Das Nachtlicht machte einen warmen Kreis neben der Tür. Oma blieb noch eine Weile sitzen. Hanna erzählte vom Apfelbaum, der nun ganz anders aussah. Oma erzählte, dass auf dem untersten Ast im Sommer manchmal ihre Gartenschürze hing. „Der Baum kennt also Schürzen“, murmelte Ralf. „Ein gebildeter Baum.“


Später ging Oma wieder ins Wohnzimmer. Hanna lag ruhig da. Sie war noch nicht müde genug zum Schlafen. Ihre Füße fühlten sich wach an. Ihr Kopf auch. Nur der Hase sah aus, als hätte er schon längst Feierabend.

„Wir könnten dem Zimmer gute Nacht sagen“, schlug Ralf vor. „Aber nur den Dingen, die du wirklich siehst.“ Hanna schaute zur Tür. „Gute Nacht, kleines Licht.“ Dann zum Sessel. „Gute Nacht, Strickjacke.“ Ralf nickte zum Schrank. „Gute Nacht, sehr großes Möbel ohne Schal.“

Sie flüsterten eine Weile weiter. Der Tisch bekam einen Gruß und die Socken unter dem Stuhl auch. Dann bemerkte Hanna, dass sie ihre Hausschuhe nicht sehen konnte. Sofort hob sie den Kopf. Zu Hause standen die immer direkt neben dem Bett.

„Meine Schuhe sind weg.“ Das Zimmer fühlte sich wieder fremder an. Hanna schlug die Decke zurück, wollte aber nicht allein unter das Bett schauen. „Oma?“ Ihre Stimme war diesmal lauter.

Oma kam. Zusammen knipsten sie die große Lampe an. Die Hausschuhe standen beim Reisekoffer, genau dort, wo Hanna sie ausgezogen hatte. Sie holte sie herüber und stellte sie nebeneinander. Mit den Spitzen zur Tür. So wie zu Hause.

„Jetzt stimmt es“, sagte sie. Oma strich über die Bettdecke. „Soll ich noch bleiben?“ Hanna nickte. Ralf rutschte auf dem Sessel ein Stück zur Seite, obwohl Oma dort gar nicht sitzen wollte. Er fand, ein angebotener Platz war trotzdem eine gute Sache.


Die große Lampe ging wieder aus. Das kleine Licht blieb an. Oma saß neben Hanna, und Ralf wickelte sich bis zur Nase in seinen Schal. Draußen fuhr noch ein Auto vorbei. Hanna beobachtete den hellen Streifen. „Gute Nacht, wanderndes Licht“, flüsterte sie.

Sie musste nicht mehr herausfinden, was im ganzen Zimmer war. Für heute reichten der Hase, die Schuhe, das warme Licht und Oma neben dem Bett. Der Apfelbaum durfte draußen stehen und seine Blätter bewegen.

Als Hanna die Augen schloss, dachte sie kurz an ihr Bett zu Hause. Sie vermisste es noch ein bisschen. Gleichzeitig lag sie hier gerade ziemlich gemütlich. Beides passte unter dieselbe Decke.

Ralf wollte noch dem Koffer gute Nacht sagen. Doch mitten im Flüstern musste er gähnen. Der Koffer nahm es ihm offenbar nicht übel. Er blieb einfach still stehen, während Omas Teetasse im Wohnzimmer leise auf den Unterteller klang.

Schön, dass du dabei warst.