Felix hatte aus zwei Stühlen eine Bühne gebaut. Ein Tuch hing dazwischen, und hinter dem Tuch saß ein Stoffdrache. Heute sollte er ein Lied singen. Felix hatte schon die erste Zeile: „Der Drache sitzt auf einem Dach.“
Danach fiel ihm nichts mehr ein. Er sagte die Zeile noch einmal. Und noch einmal. Der Drache saß inzwischen sehr lange auf seinem Dach. Auf dem Papier darunter war nur ein leerer Strich. Felix tippte mit dem Stift dagegen, als könnte ein Wort herauspurzeln.
„Vielleicht ist ihm langweilig“, sagte jemand neben der Bücherkiste. Ein fliederfarbenes Monster mit zwei langen Ohren stand dort. Es hatte eine kleine Tasche voller Papierstreifen umgehängt. „Noah. Wortmonster. Ich habe gehört, hier wartet jemand auf eine zweite Zeile.“
Felix rückte zur Seite. Noah setzte sich und zog einen Papierstreifen aus seiner Tasche. Darauf stand „Gurke“. Felix las das Wort langsam vor. Dann schaute er zum Drachen. „Das passt nicht zu Dach.“ Noah nickte. „Aber ich mag das Wort. Deshalb habe ich es dabei.“
Sie legten die Gurke auf den Tisch. Ein Wort durfte offenbar da sein, auch wenn es gerade keinen Platz im Lied hatte. Das fand Felix vernünftig. Trotzdem brauchte sein Drache dringend etwas zu tun.
„Dach und wach“, sagte Noah nach einer Weile. Felix hob den Kopf. „Der Drache sitzt auf einem Dach und bleibt die ganze Nacht lang wach.“ Er sprach beide Zeilen hintereinander. Das Ende klang ähnlich. Es hüpfte ein bisschen im Mund.
Noah schaukelte mit. „Jetzt braucht er einen Grund.“ Felix überlegte. Vielleicht wartete der Drache auf einen Stern. Oder er hatte zu viel Mittagsschlaf gemacht. Er entschied sich für den Stern und malte einen über die Bühne.
Dann kam die nächste Zeile: „Er sucht am Himmel einen Stern.“ Felix wollte sagen, dass der Drache den Stern gern ansehen würde. „Den hätte er zum Anschauen gern“, schlug er vor. Noah wiederholte es. Diesmal passten Stern und gern zusammen.
Felix wurde schneller. Er erfand einen Mond, ein Boot und einen Hut. Bald standen so viele Dinge auf dem Papier, dass sein Drache kaum noch zu sehen war. Noah zog weitere Streifen aus der Tasche. „Maus“, „Haus“ und „Apfelmus“ landeten nebeneinander.
„Die Maus wohnt in einem Haus“, sagte Felix. „Das geht.“ Dann wollte er, dass sie dem Drachen eine Decke brachte. Doch zu Decke fiel ihm nur Schnecke ein. Die Schnecke sollte gar nicht mitspielen. Er versuchte trotzdem, sie in den Satz zu schieben.
Das Lied wurde immer länger und immer merkwürdiger. Die Maus trug eine Schnecke, der Drache suchte seine Decke und irgendwo stand ein Boot, obwohl es weit und breit kein Wasser gab. Felix strich eine Zeile durch. Dann noch eine. „Jetzt weiß ich selbst nicht mehr, was passiert.“
Noah nahm nicht sofort den Stift. Er legte die Papierstreifen in eine Reihe. „Welche Sache wolltest du zuerst erzählen?“ Felix zeigte auf den Drachen. „Dass er nicht schlafen kann und einen Stern anschaut.“
„Dann behalten wir das.“ Noah schob das Boot zur Seite. Die Maus durfte bleiben, weil Felix sie gern mochte. Die Schnecke kam zu Gurke und Apfelmus. Dort sah sie sehr zufrieden aus, obwohl sie nur aus Buchstaben bestand.
Felix las den Anfang noch einmal. Er mochte die beiden Reimpaare. Danach wollte er schreiben: Die Maus bringt ihm eine Decke. Er sah Noah an. „Muss sich das auch reimen?“ „Du erzählst die Geschichte“, sagte Noah. „Wir können hören, wie es ohne Reim klingt.“
Felix las die neue Zeile laut. Sie klang ruhiger als die anderen. Eigentlich passte das gut. Schließlich sollte der Drache müde werden. Er schrieb weiter: Die Maus setzt sich neben ihn. Zusammen schauen sie nach oben.
Da klopfte es an die Zimmertür. Mama fragte, ob die Vorstellung schon beginnen könne. Felix blickte auf sein zerstrichenes Blatt. „Gleich. Wir müssen noch wissen, wie es aufhört.“ Noah nahm den Drachen auf seine Pfoten. Sein Kopf sank ein wenig nach vorne.
Felix lächelte. „Er schläft ein, bevor er den schönsten Stern sieht.“ Dann dachte er kurz nach. „Aber die Maus sieht ihn. Und morgen kann sie es ihm erzählen.“ Noah legte den Drachen vorsichtig hinter das Bühnentuch. „Das klingt nach einem Ende.“
Mama setzte sich auf das Besucherkissen. Felix sprach die ersten Zeilen mit singender Stimme. Noah ließ den Drachen aufs Dach steigen. Dann kam die Maus mit einem winzigen Taschentuch als Decke. Die letzten Sätze erzählte Felix einfach so.
Als der Drache eingeschlafen war, blieb es einen Moment still. Mama klatschte leise. „Ich mochte die Maus“, sagte sie. Felix auch. Besonders, weil sie keine Schnecke hatte tragen müssen.
Nach der Vorstellung sammelte Noah seine Wortstreifen ein. Die Gurke steckte er wieder in die Tasche. Felix hielt ihn auf. „Darf die morgen mitspielen?“ Noah überlegte. „Als Gurke?“ „Ja. Vielleicht in einer Geschichte ohne Reime.“
Das Wortmonster nickte feierlich. Auf dem Bühnenboden lag der Drache unter seiner Decke. Über ihm hing der gemalte Stern. Er brauchte kein passendes Wort mehr. Für heute hatte er einen Platz, eine Freundin und endlich Ruhe auf seinem Dach.